24. April bis 10. Mai 2007

Bosporus – Tor der Kulturen
32. Duisburger Akzente

Unter dem Titel „Bosporus – Tor der Kulturen“ richten die 32. Duisburger Akzente ihren Blick nach Istanbul. Durch Istanbul führen seit Jahrhunderten zahlreiche Verkehrs- und Handelswege. Nicht zuletzt deshalb haben viele Kulturen ihre Spuren am Bosporus
hinterlassen. Heute ist Istanbul eine Weltmetropole – die einzige übrigens, die auf zwei Kontinenten liegt – in ständiger Veränderung und Bewegung. Die Akzente wollen die ethnische und kulturelle Vielfalt Istanbuls mit einem Programm aufzeigen, das einen Bogen schlägt von den osmanischen Traditionen über die Moderne bis hin zur künstlerischen Avantgarde.

Höhepunkte unter den über 80 Veranstaltungen des unter der Schirmherrschaft von Ertuğrul Günay, dem Minister für Kultur und Tourismus der Republik Türkei, stehenden Kulturfestivals werden u.a. die Foto-Ausstellungen „Ebru – Kulturelle Vielfalt in der Türkei“ von Attila Durak und „Ara Gülers Istanbul“ mit Aufnahmen aus fünf Jahrzehnten des Istanbuler Meisterfotografen sein. Aktuelles politisches Dokumentartheater zeigt die Gruppe Dostlar Tiyatrosu, die in einer Kombination aus unveröffentlichten Videos und einer speziellen Theater-Ästhetik versucht, die Morde an 37 Teilnehmern eines alevitischen Kulturfestivals aufzuklären.

Ein Kern des „Akzente-Programms ist auch in diesem Jahr auch wieder das Theatertreffen. Neben der Dramatisierung von Orhan Pamuks „Schnee“ durch die Münchner Kammerspiele präsentiert es auch die Deutschlandpremiere des nach einem Comic
entstandenen Theaterstücks „Histanbul“, in dem die zumeist multimedial arbeitende Gruppe „garajistanbulpro“ dem Lebensgefühl des heutigen Istanbuls nachspürt.

Erstmals haben die Duisburger Akzente ein Festivalzentrum eingerichtet. Im Kulturzentrum „Alte Feuerwache“ wird über den gesamten Akzente-Zeitraum ein Programm aus aktuellen Istanbuler Theaterproduktionen, Konzerten, Vorträgen und Partys stattfinden. Zu sehen sind u.a. die Deutschlandpremiere von „Noter / The Notary / Der Notar“ des VeDST Ensembles, in dem auf kafkaeske Art das Verhältnis von Staat und Individuum thematisiert wird, oder das Stück „Yalnizliklar / Einsamkeiten“ des Tiyatro Oyunevi, das die unterschiedlichsten Facetten der Einsamkeit beleuchtet. Musikalisch schlagen der junge Istanbuler Klarinettist Serkan Çağri und Fatima Spar, eine Wiener Sängerin mit Istanbuler Wurzeln, mit ihrer absolut club- und partytauglichen Band „Freedom Fries“ im Festivalzentrum eine Brücke vom Orient nach Europa.

Eröffnung der 32. Duisburger Akzente

Eröffnet werden die Akzente am 24. April, 20 Uhr, in der Mercatorhalle Duisburg mit einem Kulturprogramm, das aus einer literarischen Annäherung an Istanbul und einem Konzert von Sevval Sam besteht. In literarischen Teil sprechen die Schauspielerin Jale Arikan und der Rezitator Demir Gökgöl u.a. Texte von Orhan Pamuk und Nazim Hikmet. Die Sängerin Sevval Sam erschließt zurzeit äußerst erfolgreich die Traditionen der klassischen türkischen Musik und der Folklore für ein junges, zeitgenössisches Publikum, ohne dabei auf Pop-Elemente zurückzugreifen. An die Eröffnung in der Mercatorhalle Duisburg schließt
sich auf dem König-Heinrich-Platz die Open-Air-Performance „Surname 09“ von Yesim Özsoy und Genco Gülan an. Ausgehend von Orhan Pamuks Roman „Rot ist mein Name“ thematisiert das Künstlerpaar das Verhältnis von östlichen Grundsätzen und westlicher
Modernität in der heutigen Türkei. Beteiligt sind neben 24 Schauspielerinnen und Schauspielern mehrere türkische Tanz-, Musik- und Chorformationen aus Duisburg.

Festivalzentrum „Alte Feuerwache“

Das Festivalzentrum an der Friedenstraße 5 ist während der Akzente die Heimat eines jungen, kreativen Programms mit Theater, Kabarett, Konzerten und Partys. Die Groteske „Noter / The Notary / Der Notar“ vom Istanbuler VeDST-Ensemble erzählt am 26. Und 27. April, 20 Uhr, im Stil einer „Black Comedy“ vom Schweigen und von der Leere im Verhältnis zwischen Individuum und Staat. Das Stück spiegelt das Lebensgefühl und die Lebenssituation im heutigen Istanbul zugespitzt wider. „Einsamkeiten / Yalnizliklar“ (28. und 29. April, 20 Uhr) vom Tiyatro Oyunevi ist die Dramatisierung des gleichnamigen poetischphilosophischen
Textes des Schriftstellers Hasan Ali Toptas. In mehreren Episoden, Reminiszenzen und Bildern spürt der Schauspieler Mahir Günsiray darin dem Phänomen der Einsamkeit nach. Mit jedem Bild enthüllt der Text eine weitere Facette dieses Zustands, der dem Menschen so unerträglich zu sein scheint und ohne die er dennoch nicht leben kann.

Am 2. Mai, 20 Uhr, stellt der Schauspieler Serdar Somuncu in seinem aktuellen Programm „Hassprediger - Ein demagogischer Blindtest“ berühmte Reden der Weltgeschichte von Osama Bin Laden bis Roland Koch einander gegenüber und gibt damit einen Einblick in die Austauschbarkeit politischer Floskeln jenseits von Zeit und Parteizugehörigkeit! Emotionen zwischen Lebenshunger und Melancholie, die man tanzen kann, spielt in einer clubtauglichen Mischung aus Swing, Pop und orientalischen Elementen am 8. Mai, 20 Uhr, die Sängerin Fatima Spar mit Ihrer Band „Freedom Fries“. Eine zeitgenössische Sprache für die Klarinetten-Traditionen des Balkans stellt am 10. Mai, 20 Uhr, Serkan Çağri mit dem DJ Serkan Alkan vor.

Party-Time ist im Festivalzentrum am 24. und 30. April ab 23 Uhr beim Global Player Club mit den DJs vom Funkhaus Europa sowie nach dem Auftritt von Poedra & Friends (u.a. mit Yener und der Shart Crew aus Istanbul) am 9. Mai, 20.00 Uhr. Dann legen ab 23 Uhr Deckstarr und Blaze auf.

Theatertreffen

Neun Produktionen aus Deutschland und der Türkei präsentiert das traditionelle Theatertreffen der Akzente im Theater Duisburg. Zu sehen ist u.a. die Dramatisierung von Orhan Pamuks Roman „Schnee“ durch die Münchner Kammerspiele am 6. Mai, 19.30 Uhr. Die Inszenierung lebt von der nuancenreichen Darstellung des unglücklichen Dichters Ka durch Bernd Moss. In das Chaos, die vielschichtige Geschichte und das heutige Lebensgefühl Istanbuls führt die Deutschlandpremiere des multimedial arbeitenden
Ensembles „garajistanbulpro“ mit seiner jüngsten Inszenierung „Histanbul“ am 13. Mai, 19:30 Uhr. Das Stück ist die Dramatisierung eines Comics von Kemal Gokhan Gürses. Der Ingenieur Ali Bora stößt auf einer Allee in Istanbul mit einer rätselhaften Frau zusammen - oder war das nur eine Einbildung? Um der Sache auf die Spur zu kommen muss er die sieben Hügel der Stadt durchwandern. Ein Abend mit sieben Liedern, sieben Rezepten für Aperitifs, sieben Episoden, sieben Zeichentrickfilmen.

Musik und Theater bringt auch die Produktion „Ashura“ am 3. Mai, 19.30 Uhr, zusammen: Ein Theater- und Liederabend in zwölf verschiedenen Sprachen: türkisch, kurdisch, griechisch, armenisch, arabisch, hebräisch... Ein besonderer Blick auf den „melting pot“ Anatolien. Der Bonner Generalanzeiger schrieb: „Ein Abend von ergreifender Melancholie.“

Sivas 93

Das Dokumentarstück „Sivas 93“ thematisiert die Vorgänge am Rand eines alevitischen Kulturfestivals, das 1993 im zentralanatolischen Sivas stattfand. Damals protestierte ein aufgeheizter, religiöser Mob gegen das Festival und ein Hotel, in dem Künstler und Gäste des Festivals wohnten, ging in Flammen auf. 37 Menschen verbrannten. Wirklich aufgeklärt wurden die Morde von Sivas nie. Das Stück von Genco Erkal arbeitet mit unveröffentlichten Videos und sparsam gestalteten Spielszenen. „Theater ganz konkret und unerhört zeitgemäß als moralische Anstalt“, schrieb die „Welt“ über das in der Türkei häufig gespielte
Stück.

Ebru – Ein Fotografieprojekt von Attila Durak

Ebru ist die Kunst, Marmorpapier herzustellen. Für Attila Durak ist diese Kunst. „Ebru“ ist für den Fotografen Attila Durak der geeignetste Begriff, in dem die Multikulturalität seiner Heimat anschaulich wird. Heute zählt man mehr als 40 ethnische und religiöse Gruppen, die sich erkennbar durch Sprache, Lebensgewohnheiten, kulturelle Identität, Religion und religiöse Praxis unterscheiden. Als ‚Ebru’ sieht er die Menschen, die in diesem Land gemeinsam leben, sich mit ihren unterschiedlichen Begabungen und Eigenarten ergänzen und die kulturelle Vielfalt im alltäglichen Miteinander praktizieren. Für „Ebru“ hat Durak von
2000 bis 2007 eine fotografische Reise durch die Regionen der Türkei unternommen, das Ergebnis waren insgesamt etwa 15.000 Bilder von Menschen, die er kennen lernte und mit denen er lebte. Für Durak ist dieses Fotografieprojekt eine Feier der kulturellen Vielfalt. Zu sehen ist vom 26. April bis 28. Juni 2009 im Kultur- und stadthistorischen Museum.

Ara Gülers Istanbul - Fotografien aus fünf Jahrzehnten

Istanbul ist die Geburtsstadt des 1928 geborenen türkisch-armenischen Fotografen Ara Güler. Die Metropole am Bosporus ist bis heute sein liebstes Motiv. Zumeist mit der Leica und in schwarz-weiß zeigt er Szenen aus dem Alltag, Kinder, Gesichter von einfachen Menschen. Bekannt wurde Güler als Nahost-Korrespondent. Viele Prominente ließen sich
von ihm porträtieren. Das Museum of Modern Art in New York wählte ihn bereits 1968 unter die „Zehn Meister der Farbfotografie“. 1999 wurde er in der Türkei zum „Fotografen des Jahrhunderts“ gekürt.

40 Fotos von Ara Güler sind im vom 26. April bis 21. Juni im Museum der Deutschen Binnenschifffahrt zu sehen.

Heiraten alla Turca – Türkische Hochzeitsbräuche in Duisburg

Berühmt in Deutschland und sogar im benachbarten Ausland sind die Brautausstattungs-Geschäfte in Duisburg-Marxloh. Von Süßigkeiten bis zum Hennakleid, vom Fotografen bis zum kompletten Hochzeits-Arrangement findet man hier alles, was zu einer türkischen Hochzeit gehört. Diese Ausstellung spiegelt die Hochzeitsbräuche der verschiedensten Regionen und Kulturen der Türkei sowie ihre spezifische Ausformungen hier in Duisburg lebendig wider. Geöffnet ist sie von 26. April bis zum 31. Mai im Kultur- und Stadthistorischen Museum.

Literatur

Autorinnen und Autoren, die das Leben zischen der Türkei und Deutschland reflektieren und solche die in Istanbul leben und arbeiten stellt das Literaturprogramm in der Zentralbibliothek vor. Zur ersten Gruppe zählen unter anderem die in Duisburg geborene Journalistin Hatice Akyün, die am 8. Mai, 20 Uhr, aus ihrem Buch „Einmal Hans mit scharfer Soße“ lesen wird, oder der Schauspieler und Kabarettist Fatih Çevikollu, der am 4. Mai, 20 Uhr sein aktuelles Programm und Buch „Der Moslem-TÜV“ vorstellen wird. Für die Istanbuler Autoren stehen Ahmet Hami Tanpinar und Mario Levi. Aus Tanpinars groteskem Roman „Das Uhrenstellinstitut“ liest am 30. April der Schauspieler, Rezitator und Übersetzer Recai Hallaç. Das Buch des 1962 verstorben Autors erzählt von einem türkischen Mann ohne Eigenschaften, der das Uhrenstellinstitut, eine ebenso gigantische wie überflüssige Behörde gründet. Ein Kaleidoskop jüdischen Lebens in Istanbul entwirft am 2. Mai Mario Levi. Sein mit dem renommierten Yunus-Nadi-Literaturpreis ausgezeichneter Roman „Istanbul war ein Märchen“ entwirft ein Kaleidoskop menschlicher Schicksale und erzählt von gelebten und ungelebten Träumen.

Film

Dem bedeutendsten zeitgenössischen Regisseur der Türkei widmet das filmforum die Reihe „Nuri Bilge Ceylan - Der Poet vom Bosporus“. Seine Filme wollen weder überreden noch überzeugen. Sie leben eher von Gesten und Blicken als von Dialogen. Wichtige Themen sind der Kontrast zwischen Stadt und Land, die Auseinandersetzung mit der Familie. Der internationale Durchbruch gelang ihm mit UZAK (WEIT), der in Cannes 2003 den Großen Preis der Jury gewann. Für ÜÇ MAYMUM (Drei AFFEN) erhielt er 2008 in Cannes den Regiepreis. Er widmete ihn seinem Heimatland, das er über alles liebe. Alle Informationen zu den 32. Duisburger Akzenten unter www.duisburger-akzente.de.

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Gerd Bracht
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